Von der GAZ zu den Grünen

In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gründeten sich zahlreiche Bürgerinitiativen. Ihr Anliegen: Sie wollten auf die durch Waldsterben und Atomenergie verursachte Zerstörung der Natur aufmerksam machen. War die Umweltzerstörung zuerst nur in Fachkreisen thematisiert worden, sorgte der 1972 vom Club of Rome veröffentlichte Bericht zur Lage der Menschheit mit dem Titel „Die Grenzen des Wachstums" allgemein für Aufsehen und rückte den Umweltgedanken so in die Mitte der Gesellschaft. „Die Euphorie auf eine immer weitere Steigerung des Wachstums und damit die Vermehrung des Wohlstandes wurde durch ein düsteres Bild der Zukunft gedämpft." 

Schon 1971 machte der damalige CDU-Abgeordnete Herbert Gruhl (1921 bis 1993) im deutschen Bundestag auf das Problem des Waldsterbens aufmerksam. Im Jahr 1975 schrieb er das Buch „Ein Planet wird geplündert", das innerhalb von zwei Jahren rund 200.000 Mal verkauft wurde. In diesem Jahr übernahm Gruhl auch den Bundesvorsitz des BNUD (heute BUND), Bund für Natur- und Umweltschutz Deutschland und wollte den Umweltschutz zum zentralen politischen Thema machen: „Da ökologische Themen bei den Christdemokraten nur eine untergeordnete Rolle spielten, wollte er seine eigene Partei aufbauen, die mit seinem christlichen Weltbild in Einklang stand." Gruhls Idee, den BNUD zu einer Partei umzustrukturieren, stieß jedoch innerhalb des Naturschutzbundes auf breite Ablehnung. Gruhl kehrte 1977 dem BNUD den Rücken und verließ 1978 auch die CDU. Als Abgeordneter im Bundestag nahm er jedoch, partei- und fraktionslos, sein Mandat weiter wahr.

Im Juli 1978 gründeten er und andere Aktivisten aus der Anti-Atom-Bewegung sowie aus der Umweltbewegung schließlich die „Grüne Aktion Zukunft" (GAZ). „Gruhl rechnete sich große Chancen aus, zum politischen Sammelbecken für die gesamte ökologische Bewegung in der Bundesrepublik zu werden." Als inhaltliche Basis dieser neuen Gruppierung diente das von Gruhl geschriebene, ökologisch fundierte Programm: Das grüne Manifest. Inhalte des grünen Manifests waren unter anderem die Forderung, dass „die Ökonomie in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen gebracht" werden müsse, und die Feststellung, dass „unsere Politik verantwortlich gegenüber Kindern, Enkeln und zukünftigen Generationen" zu sein habe. Kurz nach Gründung der GAZ wurden der hessische und bayerische Landesverband ins Leben gerufen, im September folgten dann Landesverbände in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. „Die Resonanz in den Medien war beträchtlich, und in der Bonner Bundesgeschäftsstelle der GAZ trafen Tausende von Interessentenmeldungen ein." Bei der Landtagswahl in Hessen 1978 erhielt die GAZ aber nur 0,9 Prozent der Wählerstimmen. 

Enttäuscht von diesem Ergebnis entschloss man sich, mit anderen grünen Gruppierungen zur Europawahl 1979 gemeinsam anzutreten. Das Bündnis nannte sich „Sonstige Politische Vereinigung - Die Grünen". Es erreichte im Juni bei der Europawahl 3,2 Prozent und übersprang damit die Hürde der Wahlkampfkostenerstattung. „Auf den ersten Plätzen der Europawahlliste fanden sich prominente Vertreter der Bewegung wie Petra Kelly, Herbert Gruhl und Baldur Springmann; Persönlichkeiten des künstlerischen Lebens, etwa Carl Amery und Joseph Beuys, komplettierten die Kandidatur." Nach dem guten Ergebnis bei der Europawahl strömten immer mehr politisch Interessierte in das Bündnis, so dass es bis 1980 bereits 30.000 Mitglieder hatte. 

Im Januar 1980 konstituierte sich das Bündnis als Partei. Beigetreten waren dieser Vereinigung unter anderem die Mitglieder der GAZ, der AUD (Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher), der GLU Niedersachsen (Grüne Liste Umweltschutz) und der GL Schleswig-Holstein (Grüne Liste). Zu Sprechern wurden Herbert Gruhl, August Haußleiter (AUD) und Helmut Neddermeyer (GLU) gewählt. Nach einer Übergangsfrist sollten sich alle Gründungsgruppen auflösen und der Partei „Die Grünen" anschließen. 

Allerdings wurden schnell inhaltliche Differenzen zwischen den verschiedenen Flügeln der jungen Partei offenbar, da die bürgerlichen Vertreter dem Gedanken der Ökologie oberste Priorität einräumen wollten, während die Links-Alternativen auch gesellschaftspolitische Themen wie Frauen, Minderheiten und soziale Fragen in den Mittelpunkt des Programms rückten. In der Folge verweigerten einige Vorfeldorganisationen - unter ihnen die GAZ und GL - die Selbstauflösung. Im Juni 1980 wurde Herbert Gruhl aufgrund eines personaltaktischen Kalküls nicht in den Bundesvorstand der Grünen gewählt, woraufhin sich die Lage weiter zuspitzte und unter anderem Baldur Springmann die Partei verließ. Herbert Gruhl folgte ihm im Januar 1981.

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