Die Zeit nach Gruhl

Die Delegierten des Parteitags 1989 in Saarbrücken wählten Hans-Joachim Ritter, heute Vorsitzender der Stiftung für Ökologie und Demokratie, zum neuen Vorsitzenden der ödp. Ritter wurde „mit großer Mehrheit als jemand gewählt, der sowohl mit Dr. Gruhl als auch mit den Kritikern gut konnte" und der versuchte, „den Ausgleich zu suchen und zu versöhnen" Seine erste Bewährungsprobe bestand der neue Vorsitzende bereits im Juni 1989. Aus dem Stand erreichte die ödp bei der Europawahl ein Ergebnis von 0,7 Prozent und sicherte sich somit die Wahlkampfkostenerstattung in Höhe von 1,5 Millionen DM. Ebenfalls floss bei der Bundestagswahl im darauffolgenden Jahr Geld in die Parteikasse, da die ödp 0,5 Prozent der Stimmen erhielt. Hier profitierte die ödp allerdings von einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht, der stattgegeben wurde. Die Folge: Zur Wahl des ersten gesamtdeutschen Bundestages mussten keine Unterstützungsunterschriften gesammelt werden, weshalb die ödp flächendeckend antreten konnte und bundesweit gewählt werden konnte. 

Die Kommunalwahl in Bayern im gleichen Jahr sicherte der ödp 63 kommunale Mandate, bei der bayerischen Landtagswahl votierten 1,7 Prozent der Wähler für die ödp, bei der bayerischen Bezirkstagswahl 2,2 Prozent. Die Landtagswahlen in Baden Württemberg 1992 brachten der ödp ein Ergebnis von 1,9 Prozent. In der Ära Ritter verbesserte sich sowohl die finanzielle Situation als auch die Zahl der Mitglieder. Mitte 1993 hatte die ödp rund 4.500 Mitglieder. „Diese positive Bilanz sowie eine Befriedung der innerparteilichen Auseinandersetzung stand als Ergebnis der Ära Ritter, als dieser im Jahre 1993 das ‚Ruder' an Bernd Richter aus Baden-Württemberg weiterreichte."

Bernd Richter sorgte im Verlauf seiner zweijährigen Amtszeit für eine verbesserte Außendarstellung, indem er sich für den Aufbau von Landesgeschäftsstellen einsetzte. Außerdem sorgte er für Gespräche mit den Grünen hinsichtlich einer Wiedervereinigung. Diese wurde jedoch von den Grünen kurzerhand abgelehnt. Außerdem fiel in die Ära Richter das Superwahljahr 1994, in dem die Europa- und Bundestagswahl- und diverse Landtagswahlen stattfanden. „Wie vielleicht noch nie in der Geschichte der Ökodemokraten hingen die Hoffnungen der Mitglieder an einem Durchbruch." Große Erwartungen hatten die ödp-Mitglieder vor allem in die Europa- und Bundestagswahl, aber auch in die bayerische Landtagswahl gesetzt. 

Von der Erfahrung früherer Wahlkämpfe belehrt, führte die ödp 1994 eine wahre „Materialschlacht". Rund 10 Millionen Flugblätter und 150.000 Programmen wurden an den Infoständen verteilt. „Gleichzeitig verließen sich aber viele auf diese Wirkung, und die Vielzahl der wichtigen Einzelgespräche sowie der kreative Wahlkampf büßten an Quantität ein." Auch polarisierte sich zur Bundestagswahl die politische Stimmung zwischen SPD und CDU so, dass sich wieder viele Wähler vom Argument der „verlorenen Stimme" überzeugen ließen und nicht die ödp wählten. Die ödp erhielt bei der Bundestagswahl nur 0,4 Prozent der Stimmen, bei der Europawahl jedoch 0,8 Prozent und somit die Wahlkampfkostenerstattung. Die bayerische ödp konnte ihr Landtagswahlergebnis von 1,7 Prozent im Jahr 1990 nur um 0,5 Prozent auf 2,2 Prozent steigern.

Die schlechten Wahlergebnisse und ein im Vorfeld der Bundestagswahl verpatzter Fernsehauftritt des Bundesvorsitzenden waren die Gründe dafür, dass die Delegierten 1995 Bernd Richter das Vertrauen entzogen und stattdessen Hans Mangold, Arzt aus dem bayerischen Allgäu, zum neuen ödp-Vorsitzenden wählten. Während seiner Amtszeit stabilisierte sich die ödp, sowohl was die Mitgliederzahlen als auch was die Wahlergebnisse betraf, auf niedrigem Niveau. 

Bei der Landtagswahl im Jahr 1996 in Baden-Württemberg erreichte die ödp 1,5 Prozent der Wählerstimmen; bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Berlin und Hamburg während der Jahre 1995 bis 1997 gelang es der Partei jedoch nicht, die 1,0-Prozent-Hürde zu überspringen. Allerdings verbesserte sich die Zahl der kommunalen Mandate von 200 im Jahr 1994 auf 280 im Jahr 1998. „Dieser Aufschwung auf dem kommunalen Sektor ist nicht zuletzt die Wirkung einsetzender innerparteilicher Stabilität und Professionalität."

weiter zum neuen Erscheinungsbild und den Erfolgen mit direkter Demokratie